Sonntag, 14. Oktober 2007
Was ich ganz entzückend finde, ist das Interesse welches unsere Familie und Freunde zeigen.
Ich habe ja die bedenkliche Tendenz ganz ganz arg monothematisch zu werden und - hallo - wir haben noch 271 Tage Zeit. Das weiß ich, weil der Ralf ein tolles Script geschrieben hat. Wie soll es erst werden, wenn der Zähler unter 100 geht? Ich reiße mich also zusammen. Hört Ihr? Ich reiße mich zusammen. Ich diskutiere beileibe nicht nur die eigene Hochzeit. Ich bin auch jederzeit bereit über andere Hochzeiten zu reden.
Besonders reizend ist der Stefan, der sich stets interessiert nach dem aktuellen Stand erkundigt, sich hier informiert und dann über Messenger Vorschläge macht.
So bot er sich zum Beispiel an, den Junggesellinenabschied zu organisieren. Ich.. öhm… au Backe. Ich dachte mehr an einen Mädelstag in der Therme Erding mit Massagen und Sauna und Erdbeereis. Wenn der Stefan involviert ist, wird es eher die Party des Jahrhunderts mit Häschenohren, Stripper und einer Rebekka die um 22:00 Uhr ins Bett gebracht wird, während die Meute morgens ums sechs den Morgen klar macht.
Für unser Kirchenproblem hat er die passende Lösung: Mit einem freien Theologen in die Partytram und dann Heidewitzka. Das Festmenü wird vom McD-Lieferdienst an einer roten Ampel eingereicht und wenn der Tramfahrer Feierabend hat, ziehen wir in die Milchbar.
Kommt man mit sowas ins Fernsehen oder nur ins Gefängnis?
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Freitag, 12. Oktober 2007
Unsere Kirche hat uns abgesagt.
Ne wirklich. Kein Scherz. Unsere Kirche hat gesagt, dass wir an unserem Termin dort nicht heiraten können und zwar trotz vorheriger Terminzusage.
Die Alternativkirche sagt, man könne uns im März eine definitive Zusage geben. Im März. Im MÄRZ. Vier Monate vorher. Man erinnere sich: unser Restaurant war schon im Januar so gut wie ausgebucht.
Ich bin einigermaßen angefressen und ich werde böser und böser je mehr Websites von Alternativkirchen ich anschaue. Zitat:
Man sollte den Termin mit der Kirche besprechen, bevor man Einladungen verschickt oder gar ein Restaurant bucht.
Gleichzeitig sind die selben Kirchen nicht bereit/nicht in der Lage weniger als ein Jahr vorher einen Termin verbindlich zu fixieren.
Sind die wirklich so weltfremd, dass die nicht wissen, was in München abgeht? Wissen die nicht, dass man mit einem Jahr Vorlaufzeit spät dran ist, wenn man noch eine nette Location haben will?
Wir prüfen derzeitig Alternativkirchen. Falls alle Stricke reißen, lassen wir uns von einem freien Prediger im Luitpoldpark trauen. Dann ist auch der Weg zum Champagner nicht so weit.
Die ausgesuchte Band hat übrigens abgesagt. Die sind schon lange ausgebucht.
Ich bin sauer.
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Dienstag, 9. Oktober 2007
Das Lexikon auf Hochzeitsportal24.de bezeichnet als Pflichten des Brautvaters wie folgt:
- Rede halten (zwischen Vor- und Hauptspeise)
- Tochter zum Altar führen
- Mitgift an Bräutigam zahlen
Andere Quelle weisen außerdem darauf hin, dass der Brautvater sämtliche Kosten zu übernehmen hat.
Da in diesem Fall die Tochter seit geraumer Zeit auf eigenen Füßen steht, fallen mindestens drei Punkte weg.
Ich führe mich schon ganz gut alleine zum Altar, der Ralf will keine weiteren Ziegen mehr (eine ist mehr als genug, sagt er) und auch die Rechnungen können wir schon selbst zahlen - wir sind ja auch schon groß.
Sollte der Brautvater eine Rede halten wollen, darf er das. Ansonsten lege ich meine persönliche Liste der Pflichten wie folgt fest:
- Pünktlich erscheinen
- Hübsch ausschauen - ob im Holzfällerhemd oder in Nadelstreifen ist mir gleich.
- Sich nach Kräften amüsieren
Schön wäre auch ein gemeinsames Tänzchen.
Wobei mich das an die schauerliche Situation bei meinem GoldStar Abschlussball erinnert, als der Papa darauf bestand, seine Rock’n Roll Künste zu beweisen. Er tanzt mit großem Enthusiasmus und viel Energie, allerdings gern auch unorthodox und nicht regelkonform. Mit sechzehn in der Tanzschule folgt man so vielen ungeschriebenen Regeln, dass ein rockender Papa durchaus soziales Minenfeld sein kann und man sich nur durch sofortiges Ducken und Einbuddeln retten kann.
Zum Glück ist man mit 30 deutlich entspannter. Papa, lass uns ein Tänzchen wagen.
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Mittwoch, 3. Oktober 2007
Es gibt ein Kleid. Das ist sehr tröstlich, man muss also nicht im Jogginganzug antreten.
Lustig war’s. Rabea, Mama und ich sind gleich am Montag früh losgezogen, um bei Dimitra Brautmoden in der Nähe vom Sendlinger Tor unseren Eroberungsfeldzug zu beginnen. Wir hatten einen Termin mit Roza, die uns über zwei Stunden lang ganz ausgezeichnet half. Zunächst mussten wir unsere Schuhe ausziehen, damit wir in den hinteren Teil des Ladens durften. Dort bekam ich ein paar weiße Stoffhandschuhe, um ungehindert alles antatschen zu können ohne schwarze Fingerabdrücke zu hinterlassen.
Jetzt ging es los: Satin, Taft, Seide, Chiffon, Organza, Glitzerkrams hier und da - alles wurde herangeschafft, wenn ich darauf zeigte. Die Mama und Rabea zeigten munter mit und Roza schleppte wie ein Ochse. Dann musste ich mich bis auf die Unterwäsche ausziehen, bekam einen sensationell unkleidsamen Reifrock an und Roza enterte die Umkleidekabine mit dem ersten Kleid. Das muss man sich vorstellen, wie Betten beziehen. Zunächst mit zwei Armen durchwurschteln und dann das Oberbett - aka Rebekka - hineinfriemeln. Dann wurde geschnürt, geknöpft, gereißverschlusst und man selbst trat hervor, um sich von Muttern und Schwestern begutachten zu lassen. Dimitra hat einen schönen Laufsteg, auf dem man auf und abwandern kann mit Spiegeln in allen Richtungen. Damit kann man sich selbst exzellent von allen Seiten bewundern, ohne die üblichen lustigen Verrenkungen zu machen, die man ansonsten vom Hosenkauf kennt, wenn man prüfen will ob der eigene Hintern an Schwerkraft zugelegt hat.
Mama fand alles toll. Rabea fällte innerhalb von Sekunden eine Entscheidung wie ein römischer Kaiser - Daumen hoch oder runter. Dazwischen gab es nichts.
Oh, da waren großartige Kleider dabei. Ich war sehr verliebt in eine champagnerfarbene Nummer, die fast schon golden war mit viel viel Pailletten, einem weiten fließendem Rock aus Chiffon und mindestens fünf Kilometer Schleppe. Dazu wurde mir ein cremefarbener Schleier mit spanischer Spitze in die Haare gerammt. Ich fand mich toll. Mama fand mich toll. Rabeas Daumen zeigte nach unten.
Na gut.
Station 2 war Lilly auf der Sonnenstraße. Die Kleider hatte ich im Katalog alle klasse gefunden. Nach Dimitra war das alles irgendwie blass. Ich wollte Pomp. Ich wollte Glamour. Ich wollte Drama, Baby. Ich wollte Chiffonwolken, Tüllberge und Glitzer. Lilly war mehr auf schlicht und A-Linie und unschlagbar günstige Preise. Dazu kam der übliche Unterschied zwischen kleinen Geschäften und Ketten: Die Beratungseuphorie ist eine merklich andere.
Was nicht passiert ist, obwohl ich fast damit gerechnet habe: Rabea hat nicht darauf bestanden ebenfalls ein Kleid anzuprobieren.
Was passiert ist, obwohl ich nicht damit gerechnet habe: Bei Mama kam die Wehmut durch, sich ehedem für kein weißes Kleid mit Schleier entschieden zu haben. Sie bat darum, auch einmal einen aufsetzen zu dürfen, “um zu sehen, wie man sich damit so fühlt”. Die Verkäuferin bei Lilly war merklich befremdet, hat aber widerstandslos so ein Tülldings rausgerückt.
Als kurzer Einschub - ich kann hier frei erzählen, da meine Ablenkungsversuche offensichtlich ins Leere gelaufen sind. Ralf war kurz sprachlos, als ich von dem scharlachroten Gebirge mit Puffärmeln und Schleife am Popo berichtete. Spätestens bei dem detaillierten Bericht über ein leicht türkises Kleid mit Schlitz bis zum Oberschenkel, meinte er, er würde mich eh nicht mehr ernst nehmen. Schade. Ich hatte mir noch mindestens 5 weitere Beschreibungen zurecht gelegt.
Rabsi sagte, er solle froh sein. Wenn ich der Meinung wäre, ich müsste mich in ein häßliches Gewand werfen, würde er um so besser aussehen, wenn er vernünftig gekleidet wäre.
Zurück zum Text. Tag 2 brach heran. Ich hatte in einem Anfall geistiger Umnachtung den ersten Termin auf 9:00 Uhr legen lassen, bzw. mich bereit erklärt zu diesem Zeitpunkt in Haag in Oberbayern im Haus der Braut einzulaufen. 45 Minuten Fahrt, 8:15 Uhr losfahren. Überhaupt kein Problem? Ja denkste!
Um 8:25 Uhr hatten wir es endlich geschafft mit Autoschlüssel und allem drum und dran das Auto auszuparken. Ich wurschtelte mit meiner Wegbeschreibung, die ich mit Hilfe von map24.de erstellt und ausgedruckt hatte und stellte mit Erstaunen fest, dass lt. Routenplaner die Ortseinfahrt von Haag direkt hinter dem Max-Weber-Platz lag: Der elementar wichtige Teil der Wegbeschreibung fehlte einfach. Laut Übersichtskarte mussten wir auf die A94. Welche Richtung? Nach Osten. Welche Stadt liegt östlich von München? Öh, ich brauchte Google Maps, um den nächstgelegenen Briefkasten zu finden. Und ich fahre auch immer S-Bahn. Solche profanen Dinge wie Autobahnen, Richtungen, Abfahrten kommen in meinem täglichen Leben nur als kurze Meldung im Radio vor.
Also, nächste Tankstelle angefahren um eine Karte zu kaufen. Inzwischen war es 8:45 Uhr. Und wir waren noch nicht mal aus München raus! Die Stimmung sank sekündlich. Ich hatte mir das Steuer unter den Nagel gerissen, in der Absicht größtmögliche Kontrolle zu erlangen und größtmögliches Chaos anzurichten. Die Rabea suchte auf der Karte nach Haag:
Äh, hier gibt es ca. 25 Haags. Welches ist unseres?
9:00 Uhr. Diverse Autobahnauf- und Abfahrten später. Die Mama hatte die Karte übernommen und meinte zu wissen, wo es hinging. Endlich waren wir auf der richtigen Spur - nur leider brutal zu spät.
An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an Daniel, der obwohl er in aller Herrgottsfrühe geweckt wurde, sich an seinen Computer machte und uns die Telefonnummer vom Haus der Braut heraussuchte, damit wir unser Späterkommen ankündigen konnten.
Pünktlich um 10:00 waren wir dann endlich vor Ort. Unsere Schuhe durften wir diesmal anlassen. Frau Mihm war fest entschlossen, sämtliche Rekorde zu brechen und schleppte Berge von Kleidern an: schlicht, pompös, verziert, gerafft, weiter Rock, schmaler Rock, trägerlos, Carmenausschnitt, Schalkragen, Spitze, Taft, Seide… Es gab keinen Stil den sie nicht hatte und auch für ein vages “Ich weiß nicht, ob es mir gefällt, ich will’s nur mal anprobieren…” wurde alles herbeigebracht.
Mama fand alles wunderschön. Rabeas Daumen ging rauf oder runter. Ich bekam Drama und Glamour in unglaublichen Mengen. Rabeas Kommentar:
Das schaut aus, wie etwas, das wir früher unseren Barbies angezogen hätten.
Richtig. Und genauso wollte ich es haben. Hätte es etwas gegeben mit phosphorierenden Sternen, hätte ich das genommen ohne auch nur eine Sekunde zu überlegen.
Am besten gefiel mir ein extravagantes Kleid mit einer Schleppe aus gecrushtem oder plissiertem Organza worüber Taft drapiert war. Das Oberteil war gefältelt und das gesamte Ding über und über mit Perlen und Rosenquarzsplittern bestickt. Das war der Hammer. Das Kleid hätte auch durchaus allein zur Hochzeit marschieren können, da hätte es mich gar nicht mehr gebraucht. An der Seite war eine raffinierte Stoffblume in Größe eines Kohlkopfes angebracht. Hinten wurde der Organzastoff weitergeführt und lief in einer weiten Schleppe aus. Verzückt stolzierte ich auf und nieder und freute mich, wie die Stoffmassen so gefügig meinen Befehlen folgten. (Der Wendekreis mit Schleppe vergrößert sich übrigens immens.) Mama fand es großartig und sogar Rabeas Daumen zeigte nach oben.
Dann allerdings versuchte ich den rutschenden Schleier zu stabilisieren. Ging nicht.
“Tja”, sagte Frau Mihm. “Das ist halt bei diesen angeschnittenen Trägern so. Da kann man keine großen Sprünge mit machen.”
Egal, egal. Das war mein Kleid. Ich würde mich dann halt den gesamten Tag über bedienen lassen. Wenn nicht an seinem Hochzeitstag, wann dann?
Ich ließ alles, inklusive Corsage zurücklegen, denn wir hatten ja noch einen Termin bei Cinderella in Unterhaching offen. Frau Wloka nahm uns an ihrer Wohnungstür in Empfang und führte uns in ihre Verkaufsräume. Die Schuhe mussten wir wieder ausziehen. Auf den ersten Blick sah mein geschulter Blick, dass hier kein Drama zu erwarten war. Nach gefühlten 3 Gazillionen Brautkleidern und zwei Tagen Intensivshopping hatte ich einen Riecher dafür.
Sie zog ein paar Beispiele hervor, unter anderem auch ein lustiges, geknautschtes Kleidchen in Nougat. Da sah man aus wie ein Schoko-Sahnebaiser.
Dann hatte sie eines in der Hand, was mir überhaupt nicht gefiel. Ich wollte es eigentlich noch nicht mal anprobieren. Zu schlicht, zu wenig Glamour und noch nicht mal Tüll. Rabeas Daumen jedoch schnellte nach oben. Was soll ich sagen? Das Kleid wars. Genauso. Hüpf-, Spring- und Sitzteste 1A bestanden. Gekauft.
Vielen Dank an Frau Wloka, die uns über drei Stunden stoisch ertrug, erkannt hatte, dass das was ich suchte nicht dem entsprach was ich wollte und dann das richtige herbeischleppte. Außerdem versüßte sie den Tag mit Weisheiten wie:
Bei weißen Handschuhen muss man ein bißchen aufpassen, damit sie nicht aussehen, wie Stützstrümpfe.
Ich sag nicht, wie es aussieht, aber ich sage, was es alles nicht ist. Das ist doch erlaubt, oder?
Mein Hochzeitskleid:
- ist nicht scharlachrot
- hat keine Puffärmel
- hat keine Schleife am Hintern
- ist keine schicke Zwangsjacke
- ist nicht lindgrün und auch nicht türkis
- hat keinen Minirock
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